Christina’s Frage: Wie kann ich auch mal Schwäche zulassen?

Wir haben gelernt für andere da zu sein. Uns selbst vollkommen anzunehmen – und zwar nicht nur in Momenten höchster Leistungsbereitschaft, sondern vor allem auch dann, wenn wir schwach sind, ist schon eine ganz andere Herausforderung. Wir entwickeln im Laufe unserer Geschichte ein Wunschbild davon, wie wir zu sein haben. Als Kinder beobachten wir sehr genau, welches Verhalten uns Lob einbringt und welches nicht. Wir ziehen daraus unsere Schlüsse und entwickeln eine ideale Vorstellung unserer Person, die wir versuchen zu erfüllen.

Letztendlich geht es um Anerkennung. Wenn ich lieb, brav, stark, klug, besonders, mitfühlend etc. bin, werde ich gemocht. Bin ich schwach, wütend, missmutig, passiv, ärgerlich, launisch etc. ziehen sich andere von mir zurück, werde ich bestraft oder ausgeschlossen. Wir versuchen uns also besonders auf unsere Stärken auszurichten und unsere Schwächen und Launen zu verbergen, um ein funktionierender Teil unseres Umfelds zu sein. Tatsächlich ist es konstruktiv, sich stärkend in sein soziales Umfeld einzubringen und nicht alle Befindlichkeiten an den anderen auszulassen. Aber problematisch wird es dann, wenn wir selbst keine innere Instanz entwickelt haben, die es uns erlaubt, auch mal wütend, kantig, schwach oder unkooperativ zu sein. Das wirkliche Problem liegt in unserem eigenen Umgang mit vermeintlich negativen Gefühlszuständen. Trittst Du Dir in solchen Momenten großzügig, zärtlich und damit stärkend entgegen oder kommentierst Du frustriert Deine Unzulänglichkeiten?

Mache Dir bewusst, wie Du Dich selbst in hilflosen Momenten bewertest und wie Deine innere Stimme Dein Verhalten und Deinen Zustand begründet. Schreibe Dir das auf. Vielleicht kommen Dir folgende Kommentare bekannt vor:

  • „Belaste bitte die anderen nicht mit Deinen Wehwehchen!“
  • „Du schaffst nichts, Du kannst nichts, Du bist nichts wert.“
  • „Schon wieder? Bin ich wirklich schon wieder an diesem Punkt? Ich sollte schon viel weiter in meiner Entwicklung sein!“
  • „Siehst Du, die anderen haben Recht, Du hast nichts drauf.“
  • „Sei stark, bei Dir ist doch alles gut! Komm schon, Du hast doch alles! Jetzt reiß Dich doch mal zusammen!“
  • „Wenn Du jetzt so weinerlich bist, nervst Du die anderen doch total!“

Bei den meisten Menschen sind solche oder ähnliche Gedanken in schwachen Momenten Realität. Diese Gedanken sind destruktiv. Sie bringen Dich in den Widerstand mit Dir selbst. Daraus entsteht niemals etwas Gutes. Der Trick ist also sich von diesen Beurteilungen zu distanzieren und langsam aber beständig einen neuen Blickwinkel auszuprobieren. Ich muss an dieser Stelle deutlich machen, wie wichtig dieser Entwicklungsschritt für uns alle ist. Wenn wir es nicht schaffen auch in krisenhaften oder machtlosen Momenten für uns selbst da zu sein, projizieren wir unsere eigene Ablehnung immer auf die Menschen die uns am nächsten und liebsten sind. Dann ertappst Du Dich plötzlich, wie Du ungerecht zu Deinem Kind bist, nur weil es einmal einen kurzen Wutanfall hat. Oder Du bist ungeduldig und abweisend zu Deinem Partner, weil Du findest dass er nicht so wehleidig sein sollte. Je mehr Toleranz Du für Dich selbst aufbringen kannst, desto freier, bewusster und liebevoller kannst Du (vor allem in schwierigen Situationen) mit Deinen Mitmenschen umgehen. Und das ist sehr heilsam.

Sehr oft können wir für andere leisten, was wir uns selbst nicht erlauben. Mit hoher Wahrscheinlichkeit, bist Du zugewandt und freundlich zu den Menschen, die Dich um Hilfe bitten und an ihrem Wohl und ihrer persönlichen Entwicklung wirklich interessiert. Nutze diese Ressourcen und wende sie an Dir selbst an! Beantworte einmal folgende Fragen:

  • Wie gehst Du mit deinen Liebsten um, wenn es ihnen nicht gut geht?
  • Wie unterstützt Du Deine beste Freundin, wenn sie sich selbst im Weg steht und sich selbst nicht mehr leiden kann?
  • Was sagst Du zu Deinem Freund, wenn er von seinen unzähligen Aufgaben überfordert ist?
  • Wie hilfst du deinen Lieben konkret, wenn sie sich schwach fühlen?

Schreibe das bitte auf und betrachte, wie mitfühlend und liebevoll Du bereits bist. Und jetzt all das für Dich! Leite aus Deinen Antworten ab, wie Du selbst mit Dir umgehen möchtest, wenn es Dir nicht gut geht. Du darfst jetzt diese innere mütterliche und wohlwollende Instanz entwickeln. Sie gibt Dir die Erlaubnis die ganze Spannbreite menschlicher Gefühle zu durchleben und dann wieder loszulassen. Denn Du bist weder stark noch schwach – Du bist beides. Du bist weder intelligent noch unwissend – Du bist das alles. Du bist weder liebevoll noch unfreundlich – Du bist das und das andere, sowie alles dazwischen.

Jetzt geht es ins Training und vielleicht tut es Dir gut, wenn Du Dir dafür eine Freundin aussuchst, die Dich in schwierigen Situationen immer wieder daran erinnert, Dir alle Facetten Deines Erlebens zu erlauben. Gerade durch Dein inneres Einverständnis („Ich DARF jetzt wütend, hilflos, schwach, grantig…“) sein, gelangst Du paradoxerweise zu Deiner inneren Stärke. Ein wütendes Kind in sein Zimmer zu schicken bis es sich von allein wieder beruhigt hat, das kann jeder. Einem wütenden Kind das Angebot zu machen, es in den Arm zu nehmen und es zu halten, ohne dabei selbst in einen emotionalen Strudel gerissen zu werden, ist eine Kunst, die wir alle lernen dürfen. Und zwar zu allererst mit uns selbst. Also versuch es mal: nimm Dich selbst in den Arm!

 

 

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2 Gedanken zu “Christina’s Frage: Wie kann ich auch mal Schwäche zulassen?

  1. Alev Nil

    Liebe Elisabeth,

    ich war heute bei einem deiner Workshops und es war faszinierend. In so kurzer Zeit haben wir so viel an Erkenntnis dazu gewonnen und vor Allem eine Anregung bekommen wie wir bestimmte Situationen im Alltag besser bewältigen und lösen können. Ich bedanke mich vielmals und es ist mir eine große Freude dir begegnet zu sein. Lese mir sehr gerne deine Beiträge durch und lerne weiterhin dazu.

    Alles Liebe*

    1. Elisabeth

      Vielen Dank für Dein Feedback. Mir hat es auch viel Freude mich Euch gemacht. Liebe Grüße nach Düsseldorf, Elisabeth

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