Josefine’s Frage: Wie finde ich in stürmischen Zeiten zurück zu meiner Ausrichtung und meinem Vertrauen?

In Dir entsteht ein Ziel, ein Herzensanliegen, eine Sehnsucht für die Du den vollen Einsatz bringst. Du willst die Promotion schreiben, willst Dich selbstständig machen, willst die Familiengründung, willst den nächsten Karriereschritt gehen. Du bist absolut entschieden. Alles in Dir singt, vibriert und lässt Dich Deine Lebendigkeit spüren. Endlich! Aufatmen! Das ist mein Weg.

Und schon kommen sie: Des Nachts, in unaufmerksamen Momenten, durch Bemerkungen von Freunden oder in Form von sich endlos wiederholender Ideen in Deinem Kopf. Zweifel. (Hinter-)Fragen. Ängste. Imperative, wie „Du darfst nicht scheitern! Du musst erfolgreich damit werden! Du darfst Deinen Kopf nicht aus dem Sand stecken!“

Die Verbindung zwischen Dir und Deinem Ziel verblasst. Dein Ziel wirkt lächerlich, seltsam, anmaßend, peinlich. Dein Herz zieht sich zusammen. Du schämst Dich für das was noch vor einigen Minuten in Dir gesungen hat. Ah, wie unangenehm! Du fühlst Dich wie damals, als Du lauthals gesungen und getanzt hast, hingebungsvoll, losgelassen, völlig schief aber voller Liebe – bist Du gemerkt hast, dass Du beobachtet wirst. Wie konntest Du Dich so vergessen?

Deine Sehnsucht verkriecht sich in Dir. Sehnsüchte sind introvertiert. Sie sind zu zart, zu verletzlich, als dass sie sich der Welt mit voller Wucht zeigen könnten. Es fehlt Ihnen die Dichte, die Erdung der Erfahrung. Sie sind wie kleine Kinder. Voll Lebendigkeit, Vorfreude, Zärtlichkeit, Vertrauen. Gleichzeitig so verletzlich. Ein harsches Wort, ein kühler Blick, zwei Bausteine, die nicht aufeinander passen wollen. Die Klette im Puppenhaar, die nicht herausgeht. Das Unverständnis, schlafen zu müssen, ohne müde zu sein. Die Demütigung durch Erwachsene, die das Innenleben des Kindes definieren, um eine Handlungsgrundlage zu bekommen: „Du bist müde, nicht wahr? Du bist wütend! Du bist jetzt hungrig.“ Sehnsüchte brauchen Deine bedingungslose Liebe, um zu Realitäten zu werden. Wie Kinder, sie brauchen, um erwachsen zu werden.

Und jetzt? Der Sturm ist längst aufgezogen. Du hast Dich bereits selbst verletzt. Du hast Dich schon verurteilt und abgelehnt. Wem folgst Du jetzt? Deinen Ängsten, Deinen Zweifeln, Deinen Ideen darüber wie Du zu sein hast? Du spürst eine leichte Kraft, eine Bewegung, die aus Deiner Tiefe kommt – zärtlich, aber bestimmt. Du weißt, dass Du die Wahl hast. Du kannst auf Deine zweifelnde innere Stimme hören und ihr folgen. Du weißt genau, wo sie Dich hinführen wird, denn Du bist ihren Weg schon oft gegangen. Was da aus Deiner Tiefe heraufzieht ist anders, unterscheidet sich auf unbestimmte Art und Weise vom Durcheinander Deiner inneren Stimmen. Du kannst es Intuition nennen, Bauchgefühl, Weisheit. Ich nenne es „Deine Wahrheit“. Deine Sehnsucht im Gepäck, macht sie Dir leise eine Tür auf. Du stehst an einem Scheideweg – das Leben führt Dich konsequent immer wieder dorthin. Folgst Du Deinen Ängsten? Folgst Du Deiner Wahrheit, Deiner Liebe, Deiner Resonanz, Deiner Freude, Deiner Sehnsucht?

Nimmst Du wahr, wie mächtig Du bist? Das Du immer wieder vor diese Wahl gestellt bist? Entscheide Dich so, wie es sich richtig anfühlt. Alles ist gut. Du kannst keinen Fehler machen.

Du darfst die Entscheidung herauszögern, zwei Schritte in die eine und drei in die andere Richtung gehen. Du darfst mit Deinen Zweifeln kokettieren und mit Ihnen spielen. Du darfst Deine Herzenswünsche aufschieben, warten lassen und sie allein in Deiner Fantasie leben. Es ist ok. Setz Dich vor die Wegweiser und … warte. Zweifel oder Liebe? Manchmal muss noch etwas in uns reifen und wachsen, bevor wir aufstehen und wählen können. Manchmal müssen wir uns noch satt erfahren an den Ängsten, der Dunkelheit, dem Sturm.

Es ist ok. Es ist ok.

Der Sturm ist nie im Außen. Der Sturm tobt in uns. Im Außen gibt es Herausforderungen und Situationen, die neue Kompetenzen von uns fordern: hier und da ein Streitgespräch, ab und zu eine verschlossene Tür, das ein oder andere Mal eine unbezahlte Rechnung eines Klienten, manchmal eine Ablehnung von einem Förderantrag, zuweilen eine Flut an Aufgaben. Das kennst Du. Das hast Du alles schon einmal gehabt. Du hast sprechen und laufen gelernt. Du bist ohne Deine Eltern klar gekommen. Du hast Dich bewerten lassen müssen. Du wurdest gemobbt. Du hast das falsche Studienfach gewählt. Du wurdest vergessen. Und jeder Sturm im Außen ist noch vorbeigezogen. Durch jeden bist Du lebend wieder herausgekommen. Oft wurdest Du mehr, reicher an Erfahrungen, klarer in dem wie Du es willst. Unwetter sind nie das Problem. Das was Dir zu schaffen macht, ist das was in Dir geschieht. Die Stimmen. Die Gefühle. Die Beurteilungen. Die Zweifel. Die Ambivalenzen. Die Unentschiedenheiten. Oh, so viele Unentschiedenheiten!

Es ist ok. Es ist menschlich. Das ist lebendig. Genau das lässt Dich wachsen – und zwar zu Dir. Das ist für mich so spannend, so faszinierend. Es gibt kein „dort hin“, „hin zu“, „weg von“. Es gibt nur ein „zu mir, mehr zu mir“. Bis ich angekommen bin. Zu Hause. Bei mir. Ich bin. In dieser Betrachtungsweise liegt Ruhe, Liebe, Selbstfürsorge, Mitgefühl, Zärtlichkeit. Aus der Ruhe lässt es sich mühelos handeln. Aus der Zärtlichkeit zu Dir selbst, wächst die Zuneigung zum Leben und das Mitgefühl zu anderen. Aus dieser inneren Freundlichkeit, ist es leicht sich zu öffnen und sich zu ent-schließen.

Es ist normal, dass Ängste aufkommen, wenn Du beginnst „Deinen Karren an einen Stern zu binden“. Du willst die Promotion schreiben, willst Dich selbstständig machen, willst die Familiengründung, willst den nächsten Karriereschritt gehen. Worum geht es wirklich? Du willst erkennen, Du willst über Dich hinausgehen, Du willst Freude, Liebe, Wandel realisieren…LEBEN! Du willst über Deine jetzige Identifikation hinauswachsen, Du willst Dich hingeben, Du willst wissen! Du willst Dich verbinden, willst teilen, willst empfangen, willst Dich selbst in Deinem Wollen würdigen.

Das Leben ist paradox, nicht ambivalent! Um mehr die zu sein, die Du längst bist, musst Du Ideen über Dich loslassen, darfst Dich von Überzeugungen befreien, bist eingeladen Deine inneren Ressourcen, Stärken, Potentiale zu kultivieren. Wenn Du etwas von Herzen willst, werden all Deine Zweifel, die der Realisierung im Weg stehen, in Dein Bewusstsein gespült. Das ist phänomenal! Du willst die Promotion, weil Du es wissen willst. Also kommen alle mit diesem Thema einhergehenden Ängste und Überzeugungen zum Vorschein: „Ich bin zu dumm. Ich habe nichts zu sagen. Ich bin zu alt.“ Wunderbar! Du bist höchstpersönlich eingeladen, Deine Überzeugungen zu überprüfen. Ist das wahr? Bist Du zu dumm? Gibt es nichts mehr zu sagen? Kannst Du Dir wirklich sicher sein, dass Du zu alt bist, um zu lernen, zu forschen, zu entdecken, Dinge in den Zusammenhang zu bringen? Ich bin mir sicher, dass diese Überzeugungen Dir zu einem bestimmten Zeitpunkt in Deiner Geschichte dienten. Wie ist es heute? Kannst Du Dich selbst schützen, Dich selbst um Dich sorgen? Oder brauchst Du noch alte Überzeugungen, die Dich in Zaum halten? Spüre hin, frage Dich, entscheide.

Jedes Mal wenn Du Dich streckst, wenn Du einen weiteren Schritt hinzu Dir selbst gehst, wirst Du Angst empfinden und Zweifel werden Dich besuchen. Sie erinnern Dich an alte Ideen über Dich selbst und das Leben. Ideen, die schon lange nicht mehr gültig sind. Sie zeigen sich Dir, damit Du Dich ihnen öffnest. Sie wollen von Dir ent-larvt werden, damit Du fliegen kannst.

Entspanne Dich inmitten des Sturms. Nimm wahr, was ist. Es ist ok. Im Moment gibt es nichts zu entscheiden, nichts zu tun. Nur wahrnehmen, anstelle von falschnehmen. Erlaube Dir Deinen Ängsten und Zweifeln freundlich zu begegnen. Sie sind da, um zu gehen. Indem Du fokussierst und sie zur Grundlage Deiner Entscheidungen machst, hältst Du sie fest. Du hältst sie fest! Du hältst fest. So mächtig bist Du. Statt mitten in den Sturm zu laufen, Dich auf freiem Feld vor Blitzen zu fürchten und nass und kalt, von Dir zu erwarten gute Entscheidungen zu treffen, bleibst Du daheim, bei Dir. Schaust dem Treiben aus dem Fenster zu, in der Gewissheit, dass auch dieser Sturm vorbei gehen wird. Es entlädt sich aufgestaute Energie und Dein System befreit sich von Angst. Und du bist einfach da, Beobachter Deiner inneren Lebendigkeit. Erinnere Dich an den herrlichen, saftigen, frischen Geruch nach einem starken Gewitter. Durchatmen. Tief. Du füllst Deine Lungen mit dieser weichen, feinen, gereinigten Luft.

Jetzt triffst Du die Entscheidung, wem Du nachkommen möchtest: Deiner Angst oder Deiner Liebe?

Es dämmert Dir, dass da keine Zweifel mehr sind, denen Du folgen könntest. Du spürst eine leichte Kraft, eine Bewegung, die aus Deiner Tiefe kommt – zärtlich, aber bestimmt.

 

 

 

 

 

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