Ramona’s Frage: Wie gelingt es mir auch in stressigen Situationen proaktiv zu handeln, anstatt nur zu reagieren?

Stressige Situationen entstehen häufig durch innere Konflikte. Wir nehmen vielleicht an, dass wir uns gestresst fühlen, weil uns ein Vorgesetzter angeschrien hat oder eine Freundin sich nicht meldet. In Wirklichkeit sind es aber nicht die Ereignisse selbst, die uns verunsichern, sondern unsere Einschätzung der Situation. Wir sind in Konflikt mit der Realität, denn es geschieht etwas, dass aus unserer Perspektive absolut nicht geschehen sollte. Oder es passiert eben nicht das, was wir uns sehnlichst wünschen. Stell Dir vor, Dein Chef schreit Dich an. Das er schreit, ist noch kein hinreichender Grund für den Stress, der in Dir entsteht. Es sind die inneren Konflikte, die Dich irritieren. Du denkst vielleicht: „Mein Chef darf mich nicht anschreien! Mein Chef soll freundlich zu mir sein! Ich darf mich jetzt nicht angegriffen fühlen! Er muss mich mögen! Ich darf jetzt auf keinen Fall zeigen, dass mich das verletzt! Ich muss stark sein! Ich darf nicht abgelehnt werden!“

Du bist im Widerstreit mit der Wirklichkeit, weil Du Angst hast, dass das Schreien Deines Chefs auf etwas hinweist, dass nicht passieren darf. Z.B. kann sich die Angst vor Ablehnung oder die Angst schwach zu sein, hinter diesem inneren Streit verbergen.

Auf diesen inneren Konflikt kann Dein Gehirn mit verschiedenen Anweisungen reagieren: „Flieh! Greif an! Vermeide! Lenk ab!“ Du könntest jetzt also den Impuls erhalten, Dich aus der Situation zuziehen (auf die Toilette gehen, ein Glas Wasser holen etc.). Vielleicht erfährst Du in Dir auch eine Wut die aufsteigt und Du greifst an (zurück schreien, einen gemeinen Kommentar abgeben usw.). Es kann auch sein, dass Du die Auseinandersetzung mit Dir (Deinen inneren Konflikten) vermeidest und Dich ablenkst (die Situation herunter spielen, einen Witz machen u.a.). Alle diese Handlungen sind reaktiv und verstärken den Konflikt, der in Dir abläuft.

Vielleicht merkst Du, dass ich nicht über Deinen Chef schreibe, sondern nur über Dich und die Abläufe, die in Dir Stress auslösen. Das liegt daran, dass Du Veränderungen nur in Dir selbst auslösen kannst. Jeder Versuch ein Fehlverhalten anderer zu kompensieren scheitert. Wäre es nicht traumhaft mit einem kleinen Zaubertrick einfach Deinen Vorgesetzten zu verzaubern, so dass er immer freundlich und zugewandt kommunizieren würde? Ja! Aber leider bleibt das ein Traum. Wir können tatsächlich nur zu uns selbst hinschauen. In dieser Erkenntnis liegt auch eine große Befreiung und Macht. Es kann sein, dass Dein Chef weiter in einem lauten, vielleicht unfreundlichen Tonfall mit Dir spricht, aber es löst keinen Stress mehr in Dir aus, weil Du Deine inneren Konflikte gelöst hast.

Wie kann das gehen? Eine effektive und wirkungsvolle Methode in solchen Momenten ist die achtsame Beobachtung. Eine Welle von Stress durchströmt Deinen Körper, Gedanken beginnen zu kreisen, herabwürdigende Beurteilungen (über den anderen, aber auch über Dich selbst) nehmen Dir die klare Sicht auf die Situation und schon spürst Du einen Impuls (Flieh! Greif an! Vermeide! Lenk ab!). Du bist schon mittendrin und es ist eine wirkliche Herausforderung jetzt achtsam mit Dir umzugehen. Atme tief durch, fokussiere Deine Wahrnehmung auf Deine Atmung und beobachte was in Dir geschieht. Ohne zu handeln. Lass einfach zu, was sich in Dir zeigt. Das ist die Realität im Moment. Erlaube ihr so zu sein, wie sie sowieso schon ist. Das klingt sehr leicht, gelingt aber nur durch häufige Meditationspraxis.

Dein Chef schreit also, in Deiner Psyche erlebst Du einen Kampf und Du atmest und lässt diesen Kampf zu. Ja, Du beobachtest ihn still. Du musst noch nicht mal herausfinden, welcher Konflikt sich da in Dir austobt. Das ist im Moment irrelevant. Es geht lediglich darum, präsent für Dich selbst und Deine inneren Vorgänge zu werden. Am Anfang ist es sinnvoll, sich aus schwierigen Situationen herauszunehmen (z.B. kurz in den Pausenraum gehen oder auf die Toilette), um sich den Raum für diese Übung zu geben. Später kannst Du diese achtsame Beobachtung auch mit offenen Augen machen und während Du einer routinierten Tätigkeit nachgehst.

Was passiert da? Zuerst ziehst Du die Aufmerksamkeit vom „falschen Schlachtfeld“ ab. Du bist nicht mehr im Außen beim Chef und bei Deinen Ideen darüber, wie er sich verändern sollte, sondern Du bist wieder bei Dir. Führst Dich zurück auf den eigentlichen Schauplatz des Konflikts. Du konzentrierst Dich auf Deine Atmung. Damit kommst Du immer im jetzigen Moment an. Du kannst nicht gestern und auch nicht morgen atmen, sondern ausschließlich jetzt. Durch die Konzentration auf die Atmung, nimmst Du die Aufmerksamkeit vom Konflikt weg. Energie folgt der Aufmerksamkeit. Es gibt keinen Grund, dass Du Dich auch noch in Deine Dramen einmischst und den Kampf gegen Deine Gedanken und Gefühle aufnimmst. Stattdessen beobachtest Du, leicht distanziert, was in Dir vor sich geht. Sowie Du einem Gewitter durch ein Fenster zuschaust. Du gehst ja auch nicht raus und kämpfst mit den Regentropfen um den Sonnenschein. Du weißt, das Gewitter zieht vorbei. Mit dieser Gewissheit, beobachtest du also Deinen inneren Sturm.

Was Du in Wirklichkeit tust ist folgendes: Du integrierst die Spaltung, die sich in Dir aufgetan hat. Du heilst indem Du wieder zusammenbringst, was vorher getrennt war. Du nimmst diesen Kampf an, indem Du ihn lässt und als momentane Realität Deines Erlebens akzeptierst. Du lehnst Dich nicht ab und nicht auf. Du kämpfst nicht dagegen an. Stattdessen erlaubst Du Dir so zu sein, wie Du im Moment fühlst. Jetzt handelst Du neu.

Das ist Selbstliebe.

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2 Gedanken zu “Ramona’s Frage: Wie gelingt es mir auch in stressigen Situationen proaktiv zu handeln, anstatt nur zu reagieren?

  1. Jessica

    Energie folgt der Aufmerksamkeit. Danke für diesen Schlüsselsatz, liebe Elisabeth. Ich lese all deine Blogbeiträge und fast jedes Mal erwischen mich die Gedanken und Übungen im perfekten Moment. Ich werde jetzt still einem Gewitterchen beim Vorbeiziehen zu ucken, ohne zu handeln. Mille Grazie

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