elisabeth hahnke coach und trainerin

Yoga und ich

„Süße, Du warst im Juni das letzte Mal bei uns?“ Verlegenes Lachen. „Ähm, ja…“ Mein Kopf springt auf Alarm und die Gedanken rollen an: „Aber ich habe mit meiner Freundin manchmal Yoga gemacht und einmal mit meiner Schwägerin und…Es war einfach so viel zu tun…Ich bin Mutter…und…selbstständig…“ Meine Yoga-Lehrerin Sonja, sortiert meine Yoga-Karte ein und gibt mir lächelnd meinen Schrankschlüssel. In Wirklichkeit gehe ich nicht regelmäßig zum Yoga, weil immer etwas anderes wichtiger scheint: ein Seminar, Vorbereitung auf ein Coaching, Zeit mit meinen Liebsten, aufräumen usw. Ich weiß das. Und ich ändere das. Meine Zurückkomm-Rate auf meiner Yogamatte ist immerhin nicht mehr ein Jahr, sondern drei Monate! Das ist ein Fortschritt von 9 Monaten, ich finde das gut.

Ich liebe Sonja. Sie ist streng, herausfordernd, witzig und absolut unempfänglich für Komplimente. „Glaubst Du, Du verdurstest, wenn Du 90 Minuten kein Wasser trinkst? Ja, ich meine Dich! Bring die Wasserflasche raus.“ Zum Glück meinte sie nicht mich. Hui. Sonja lässt uns nicht sehr viel durchgehen: „Bewegt Euch! Egal wie, da wo Du bist ist es in Ordnung. Es ist eine Erkenntnis für Dich, wenn Du merkst, dass Du keine Kraft für die Liegestütze hast. Aber leg Dich nicht hin, beweg Dich so wie Du kannst!“ Ich bewege mich. Ich schwitze. Ich versuche meine Hände und Füße zu koordinieren. Alle sollen in irgendeinem Halbmond stehen: rechter Fuß und rechte Hand am Boden, linker Fuß und linke Hand strecken zur Decke. Ich sehe aus wie eine torkelnde Katze. „Öffnet Euer Becken!“ „Alles klar, Becken öffnen…Beide Hände am Boden, linkes Bein hoch, dann die linke Hand…“ Plumps.

„Krieger 1, Krieger 2, wunderbar!“ Na, mich kann sie nicht meinen. Mein Krieger sieht eher aus wie ein morscher Wegweiser, der im Wind wackelt. „Und XXXX“ – sie sagt ein indisches Wort. Ich verstehe sowas wie: „SCHAHANGA“. Ich habe keine Ahnung was ich machen soll. „Ins Brett. Und von dort in die Liegestütze, Bauch kraftvoll, Hände am Körper und in die Kobra.“ Völlige Überforderung, ich komme nicht mehr mit und auch nicht mehr hoch. Ich will in das „schlafende Kind“! Heißt das so? Egal. Hitze steigt auf und Tränen brennen mir hinter den Augen. Die Geschichte geht los…: „Ich bin so schwach. Ich kann das nicht. Ich habe keine Kraft. Ich bin so undiszipliniert. Ich verstehe einfach nicht, was ich machen soll. Ich bekomme das nicht hin…und außerdem sind meine Beine viel zu dick!!“

Bloß nicht heulen zwischen 30 Frauen und drei Männern, auf meiner hellrosa Matte, in meinem viel zu teuren Yoga-Outfit. Atmen. Ein, aus. „Herauf schauender Hund!“ Ich gucke zwischen meine Beine. Ups, falsch rum! Ich mache den herabschauenden Hund. Schnell zurück!

Zum Glück weiß ich mittlerweile, wie ich schnell aus meinen angsteinflößenden Gedanken aussteigen kann. Ich weiß, dass ich nicht weine wegen des Yogas, sondern weil ich mir erzähle, dass ich schwach sei und etwas nicht gut mache. Also atme ich tief durch. Sonjas Worte vom Beginn der Yogastunde berühren mich leise und schieben die ollen Kamellen beiseite: „Nimm den Druck raus. Kein Stress, kein Beweisen. Yoga ist für Dich. Yoga ist Erkenntnis. Da wo Du bist, bewegst Du Dich. Aber bewege Dich! Gib nicht auf. Zieh Dir nicht Deinen Pulli mitten in einer Übung aus, die Du nicht magst. Mach keine versteckten Pausen. Sanft. Aber in Bewegung. Übe das was Du nicht kannst. Langsam.“ Und dann mischt meine innere Stimme mit: „Elisabeth, Du machst das wunderbar. Da wo Du bist, bist Du gut. Und dann geht’s weiter. Wie könnte es anders sein? Bleib in Bewegung, meine Liebe.“

Noch zwei Yoga-Flows… „Da wo Du bist, so wie Du kannst…“
Dann, endlich die Schluss-Entspannung: SHAVASANA! Shavasana ist das einzige Yoga-Wort, das ich mir nach 10 Jahren unregelmäßiger Praxis merken kann. Na, und OM. Klar. Ich gebe alle meine Zweifel ab. Ich lasse alle Ideen von „nicht genug und zu schwach“ los. Yoga ist eine Auseinandersetzung mit mir selbst. Ich erkenne, dass ich mich großartig finde, wenn das, was ich auf der Matte mache, gut läuft und ich mich kraftvoll fühle. Ich spüre, dass ich mich beginne abzulehnen, wenn ich die Flows nicht hinbekomme. So wie im Leben.

Bestimmt kennst Du solche Situationen genauso, wie ich. Sei es im Job, in Beziehungen oder auf der Yogamatte. Manchmal reicht die Kraft eben noch nicht aus. Es ist leicht sich selbst zu mögen, wenn man etwas toll macht. Es ist viel toller, sich dann auch liebevoll zu begegnen, wenn man etwas noch nicht versteht oder kann. Bleib freundlich mit Dir. Da wo Du bist, bist Du gerade richtig. Und dann geht’s weiter. Wie könnte es anders sein? Bleib in Bewegung, Du lieber Mensch.

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